Wer hat keine Angst vorm Schwarzen Mann ?

Uwe Kolbe

...Einschlägige pädagogische Bemühungen großer Museumskampagnen brennen uns die Nachricht vom Einfluß archaischer und/oder Volks-Kunst div. Kontinente auf die Moderne immer wieder einmal auf den Pelz. Obwohl uns gewöhnliche Vorkenntnisse bzw. ureigene frühe Einsichten längst darauf brachten. Wir wissen, mein Gott!, Bescheid. Hier nun aber, hier wissen wir noch nicht Bescheid. Hier versagt der schöne Begriff »Einfluss«. Obwohl jeder sehen kann, wie die Künstlerin manchmal nebenbei anspielt, wie sie hier und da lässig zitiert. Einerseits, weil sie — stets wach — aufgesogen hat und aufnimmt, was immer in ihre Nähe kommt, ob Welt oder Kunstwelt. (Woher kenne ich jenes Gesicht? Von Bildern des Engländers B.? Jenes Schweben, hat es eine Nähe zu der Art, wie Ch. seine Figuren schweben ließ? Und zitiert diese Linie Meister P.s unendlichen Konturen-Kanon? Wir wissen, mein Gott! Bescheid.) Andererseits, weil zu dem Aufsaugen, Aufnehmen der Künstlerin große Reisen beitragen. Indien mag ihre zweite Heimat sein. Und 2006 wurde sie in Georgien gesehen, 2008 in Äthiopien, arbeitend, meditierend, mit Einheimischen, Kollegen, Fremden in verschiedenen Arten des Gesprächs vertieft, verbal und nonverbal, im Gepäck auf der Rückreise jeweils Bilder, Gedichte und wieder Bilder.
Und dennoch sind wir wie gesagt mehr innen als außen. Wir schauen in Seelenwelt als Bildwelt, als Weltwelt. Überhaupt etwas zu sagen, nicht nur zu staunen, hilft Auswahl, Fokussieren des Blicks so wie auf den Moorwiesen an der Peene bei Anklam — in der ersten und bleibenden Heimat, wohin Christiane Latendorf auch immer wieder reist und wohin sie einen, wenn er Glück hat, mitnimmt. Kraniche, Silberreiher, Seeadler und gewöhnlichere, nicht minder schöne und werte Geschöpfe sind zu Wasser, Erde, Luft und Baumwipfel auszumachen und zu bestimmen. Die Krähe Hans, das berühmte Haustier, kennen wir vom Scherenschnitt, doch die resp. der gehört in ein anderes Kapitel.

Christiane möge mir verzeihen, daß ich nach der notwendigen bunten Vorrede nur noch über ein einziges Motiv schreiben möchte. Ausgerechnet über den Tod auf ihren oder besser in ihren Bildern. Genaugenommen möcht ich mich dabei nur einem Bild wirklich annähern. Dazu hätte ich es gern original vor Augen, leider ist das nicht möglich. Ich habe mir im Atelier-Raum in dem Zweckbau in Dresden ein Arbeits-Foto gemacht. Der Blitz der schlichten Kamera hat viel vom Farbeindruck genommen. Es heißt “Tod im Larvenstadium”. Wenn ich Philosoph wäre, genügte, über diesen Titel nachzudenken, für eine Abhandlung. Christiane Latendorf aber ist selbst eine Philosophin mit dem Pinsel, mit der Schere, mit dem Kugelschreiber, dem Bleistift usw. Nun bin ich ebenso verzagt, wie ich begeistert von ihrem Werk bin.

Im Verhalten zum Tod ... werde ich meines Lebens ansichtig.
Ernst Tugendhat, Über den Tod

In einem, sagen wir, gewöhnlichen mitteleuropäischen Leben wird der Tod erst im Laufe des Erwachsenenlebens sichtbar. Wenn Angehörige sterben, die Großeltern, ein Onkel — für ein Kind verschwinden sie, sind einfach weg. Trauer mag es spüren oder ein unnennbares Gefühl, das aus dem Verlust der mehr oder minder nahen Person folgt. Von Tragweite ist das für das Kind nicht. Es lebt im Jetzt, in seinem Universum ist Endlichkeit des Lebens kein Begriff. Einem Jungen ist der Hamster gestorben, der auf einen besonderen Namen hörte, einem Mädchen hat sich die Grüne Wasseragame im Terrarium entfärbt. Tränen, aber keine Erkenntnis über den Tod. Der natürliche Gang der Dinge im Stirb-und-Werde ist ein Abstraktum. Zu hoch, zu weit entfernt. Nun aber ist es Frühling, ja! Und die Äpfel reifen und das Korn wird gelb und schließlich kommen Mähdrescher und Laub färbt sich, und der Novembersturm nimmt alles wieder weg und reißt es von hinnen, läßt das Tote zurück (den kahlen Birnbaum als barhäuptigen, uralten Mann). Ein schmuddliger, städtischer Winter folgt, doch hoffentlich folgen auch Schlittenfahrt und Schneeballschlacht. Wenn nun die Schneeglöckchen durchbrechen, Krokusse, Märzenbecher, wenn dann der Birnbaum über Nacht sein grünes, junges Gesicht zeigt, ist dieser und jeder folgende, ins Bewußtsein dringende Frühling eine wirkliche Geburt nach einem wirklichen Tod, nicht nur ein Bild. In unseren und noch polnäheren Breiten kann das Kind es erleben und begreifen, wenn seine Sinne offen sind oder wenn jemand es ihm zu zeigen vermag, am besten beides. Ich bin selbstverständlich nicht der Meinung, daß die Latendorfsche Bildwelt vor allem Kindern etwas zu zeigen hat. Obwohl sie ihnen mehr als allen anderen Menschen in späteren, zugewachsenen, partiell verdorbenen Zuständen eine Welt bieten könnte. Diese wäre rund, vollständig, schwarz und weiß eben, hoch und tief, fröhlich und traurig, besser: schwarz wie weiß, hoch wie tief, tödlich finster wie lebendig hell usw. usf. Kinder könnten - ich weiß nicht, ob sie es tun - diesen Kunstwerken begegnen und wüßten fraglos sicher, wie diese Bildwelt funktioniert. Weil sie Innenwelt ist, präzise Bild gewordene Erinnerung, weil sie ganz ist, auch wenn sie den Ausschnitt und Anschnitt gibt, weil sie Nähe und wieder Nähe abbildet und selbst Nähe ist, so große Nähe, so dicht, daß die Augen wirklich sind und wirkliche Augen sich selten anderswo derart vielfältig spiegeln werden.

Kinder wissen, während sie zeitlich in der Ewigkeit leben, nichts von dem Raum außerhalb ihrer Wahrnehmung. Was jenseits davon, ist das Andere, das Fremde, ist von Angst besetzt, die manchmal jäh einbricht. Das ist von liebevoller Zuwendung und Wärme ganz unabhängig. Furcht vor dem Konkreten können Mutter und Vater nehmen, die Angst vor dem Namenlosen nicht. Weil es namenlos und unbekannt ist und dies zu Teilen für immer bleibt. Weil es in den Schritten ist, die im Takt des Pulsschlags im eigenen Ohr (was Du noch nicht begreifst) näherkommen, während du im dunklen Zimmer im Bett liegst und nicht einschlafen kannst. Du berechnest den Fluchtweg aus dem Fenster im ersten Stockwerk, du würdest springen können, unten wäre ja ein weiches Beet, würdest dich besser auskennen als der Schwarze Mann und würdest entkommen und könntest die Polizei alarmieren, den Bruder, die Schwester, die Eltern retten.

Aber auch dann, wenn ich mehr weiß, wenn ich älter bin und, wie man sagt, reifer, wird es nicht behaglicher: Der Fluchtweg aus dem Fenster stellt sich als zu weit heraus. Ich bin schon verletzt worden, ich kenne und fürchte schon Schmerz. Sogar Todesangst kenne ich. Die hatte mich gepackt mitten in den Straßen der Stadt, zwischen all den Leuten, die nichts und abernichts wußten, während ich gejagt wurde von welchen, die sich eben noch als Freunde getarnt hatten. Oder, was eigentlich schlimmer war: Die hilflose, nackte Angst, als ich, von einem johlenden Kreis umringt, verprügelt wurde, und meine Eltern sahen es zufällig, gingen aber vorüber und retteten mich nicht. Oder die tödliche, die schlimmste Pein, wenn sie wieder einmal etwas, das nur sie von mir wußten, zu Fremden sagten, etwas, das mir peinlich war, mit dem sie mich bloßstellten. Letzteres war nicht Angst, und doch kann niemals Angst im unbekannten, dunklen Wald einen so überfallen wie dieses Gefühl. Es war schwarz, so schwarz, daß du manchmal für immer fortgehen wolltest oder gar, um dies nie wieder erfahren zu müssen, an den letzten Abschied dachtest.

So anwesend ist der Tod im Leben. So dünn ist die Schicht, auf der wir gehen. Die Totenschädel, die Gerippe auf Christiane Latendorfs Bildern sind Legion. Hier steht sie nicht nur in einer Tradition, hier knüpft sie an und setzt fort und fügt ihr Ensemble an die Totentänze und Vanitas- und Memento-mori-Motive aller Zeiten. - "Der Wegebaum" sprießt aus einem Toten. "Die Todesmutige" hat eine direkte Verbindung zu einem Begrabenen oder, wenn ich in ihre leeren Augenhöhlen schaue, ist wohl selbst schon im Jenseits zuhaus, nachdem sie jene oder jenen dort begraben hat, vielleicht. Zwischen einer Vielzahl von Köpfen auf einer Vielzahl von Bildern immer auch zumindest ein hohler Schädel, mal zum Schauen fähig, mal nicht. Viele Gesichter, die in einem Zwischenreich zu siedeln scheinen, schon tot, noch lebendig, zu viel wissend, verdorben, verfault, verhext, an die Grenze geraten, sich darüber hinaus in den Abgrund lehnend, mitten im Leben mit diesem Weinen konfrontiert, von dem Rilke schreibt, selbst aber tränenlos wie der reine Geist. Oder jener Weihnachtsmann zum "Frohen Fest", der mit seinem Brüllen aus gigantischem Rachen dem blassen, nackten Mädchen die Zöpfe vom Kopf abstehen läßt. In der Plastik sind es zum Beispiel der "Grummel", die "Moosfrau" oder "Toter Krieger" - durchaus geeignet, uns das Gruseln zu lehren, das wir hinter einem Lächeln verstecken.

Die meisten Bilder konterkarieren das Todesmotiv, binden es ein, verbergen Gräber in farbigen Flächen, mischen Totenköpfe unter fröhlichere Masken, lassen überhaupt die Farbe, die Farbigkeit des Lebens und den mythischen Vogel oder den Baum des Lebens in vielen Inkarnationen obsiegen.

    Tod im Larvenstadium

Nun dieses eine Bild. "Der Tod im Larvenstadium". Es zeigt den Meister selbst, den notwendigen, selbstverständlichen Gehilfen der Götter oder eben Gottes. Nur sehen wir ihn hier, bevor er tut, was ihm in Mythologie und Natur aufgetragen ist. Noch lange kein Meister. Wir sehen Thanatos in einem Moment des Werdens. Wie in der Wiege liegt er, und wir wollen dies zarte Wesen gern in die Arme nehmen und schaukeln. Seine Form die eines Babys, ein schön gewickeltes Kind begüterter Eltern… Und natürlich ist es eine Larve. Ihr Inneres scheint durch. Wir sehen Anlagen, insbesondere des Verdauungstraktes. Schädel und Schnute sind noch zart, auch alles andere: filigran. Doch der Magensack, diese Endstation alles Lebendigen, ist schon groß genug. Seidenraupenlarven fressen dreißig- bis vierzigtausendmal ihres ursprünglichen Gewichts, um zur Reife zu gelangen, zu einem Wesen allerdings, das schließlich nur drei Tage in der Schmetterlingsform existiert, die zur Vermehrung notwendig und fähig ist. Die Seidenraupe…, der Seidenspinner, seit Jahrtausenden ein Haustier.

In den Zyklus jenes Wesens, dessen Larve wir hier vor uns haben, greift das Säugetier Mensch auch immer wieder gern ein. Wir füttern die Raupe in Zeiten der Epidemien mit Kranken immer wieder andrer Art. Doch vor allem bieten wir dem Tod in seiner flinksten Gestalt - als der bekannte Sensenmann -, die Schlachtfelder der Kriege abzuernten. Manchmal reitet er auf seiner Mähre neben den drei anderen apokalytischen Reitern, mal mag er so erscheinen wie in Bürgers Ballade jener Kriegsheld Wilhelm. Weil der nicht wiederkehrte, haderte Lenore mit Gott. Und was sie darum als ihren Geliebten zurückbekam, entpuppte, entlarvte sich so: "Ha sieh! Ha sieh ! im Augenblick, Hu! Hu! ein gräßlich Wunder! Des Reiters Koller, Stück für Stück, Fiel ab, wie mürber Zunder. Zum Schädel ohne Zopf und Schopf, Zum nackten Schädel ward sein Kopf, Sein Körper zum Gerippe Mit Stundenglas und Hippe." Niemals ist der Tod domestiziert. Nicht zu bekämpfen wie die Gespinstmottenlarven, die mit Bäumen etwas tun, das aussieht wie viele amerikanischen Kleinstadthäuser zu Halloween - oder wie die Miniermotten, vor denen wir die Kastanien zu retten versuchen durch Verbrennen des Laubs. Was tun wir, um den Zyklus des sich ständig wandelnden Todes zu unterbrechen oder auszusetzen? Nichts. "Der Tod ist groß…" In jedem Stadium ein Sieger. Die Farbigkeit des Gemäldes stellt das Hochwohlgeborene des Wesens aus. Ein edles, ledernes Braun und Violett, nicht wahr? Ob mein Tod so ausschaut in mir? Jede und jeder von uns hat doch seinen eigenen Tod und die eigene, nur eine lebenslang offene Türe vor sich, an der dieser wartet wie der Türhüter bei Kafka. Vielleicht aber ist mein eigener Tod schon geschlüpft, hat seinen Kokon verlassen, umhüllt mich die seltsame Seide, der Mehltau, wie alles Organische, noch unsichtbar, doch ganz? Neunhundert Meter der Seidenfaden von einem einzigen Kokon… Der Tod braucht geringeres Maß, das eines bescheidenen Knotens, das eines Stopfens in einem Blutgefäß, eines nicht einmal schnellen Fahrzeugs, das aus unerwarteter Richtung kommt. Ach, wie auf dem Latendorfschen Gemälde hat er viele, kürzere Fäden, an denen nicht er, sondern wir schon hangen, während er noch schläft, träumt. - Dieser Schmerz in den Lendenwirbeln, in der Schulterpartie, diese Frostempfindlichkeit manchmal...

Mit der Schönheit des Gemäldes, mit diesem schönen Porträt des dunklen, mächtigen Gefährten des Lebens als junger Prinz, eingemeindet als Lebewesen in den ewigen Kreislauf der Natur, kommt etwas wie der Motor von Christiane Latendorfs Kunst auf den Punkt. Die Augen nicht schließen zu können und das als Freude zu erfahren, sich an der Entgrenzung zu freuen, Insomnia hin zur Gänze der Welt, des Kosmos', der Spektren und Kreisläufe, in die Brüche, die Widersprüche hinaus, die Abbrüche, in Gebirge von Tönen und Farben, in denen sich Harmonien wie Dissonanzen, das Leuchtende wie der Schlamm aufeinander beziehen; die Vernichtung des Tages, des Jahres, des Lebens ein einziges Fest der Auferstehung und Wiederkehr, durch den späten Gott der Monotheisten und den Messias vermittelt oder nicht - oder durch Schiwa, Herr der Zerstörung, der Zeugung…

Der Engel des Todes reicht dem Engel des Lebens die Hand. Und wenn wir eine Seele haben, so möchte sie noch lange um diese Welt fliegen an der Hand Christiane Latendorfs.
Berlin-Charlottenburg, Dezember 2008

Uwe Kolbe
Auszug aus dem Text zum Katalog “Erkennbare Zeit” von Christiane Latendorf, herausgegeben vom Ernst-Rietschel-Kulturring e.V. in 2009 anlässlich der Ausstellung “Erkennbare Zeit” in der Galerie im Ernst Rietschel Geburtshaus mit Scherenschnitten und Malerei von Christiane Latendorf und einer Laudation von Uwe Kolbe.

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