Waches Träumen

Uwe Salzbrenner

Malersphinx, Himmelhund, Mondfrau und Antilope stehen da, als wären sie nicht gemalt, sondern aufgetaucht aus farbigem Glas. Die Dresdner Malerin Christiane Latendorf zeigt in ihren Bildern eine magische Weltsicht, wie sie früher einmal geherrscht haben muss. In dieser Welt sind die alltäglichen Dinge beinahe unsichtbar. Die Geister dahinter aber bewegen sich hell und lebendig, die Ahnenseelen, Schutzengel und Orakeltiere. Das Gemälde “Ein langer Weg” offenbart ein Wesen, das Stierkopf trägt und eine Schlange als Schulter, an die sich Vogel und Meerkatze klammern. Ein flatternder Vogel zieht vor ihm den Hut, der Affenmensch bloß die Schultern hoch. Ein waches Träumen, Bilder danach, Latendorf holt sie aus Anderland.

Eine Nähe im Leben

Immer wieder sich selbst hat Horst Leifer gezeichnet, der auch Landschaften wild bewahren konnte wie Wolkenbrüche. Mit schwimmendem Pinsel flicht er Linien zum Gesicht, braun und lichtgrau, aber das ist kein Versteck, sondern eine Offenlegung des Leidens. Wenn Leifer andere Menschen porträtiert, scheint noch sein eigener Geist hindurch. Hinter dem Eigenen erkennt man bereits den Schädel des künftigen Toten, die Wangen hohl, die Brauenwülste vorspringend. Die Augen brennen, weit aufgerissen. Hier prüft sich ein erschrockener Büßer. Das sind Jenseitsbilder vorab. Leifer ist 2002 an Krebs gestorben.
 
Die Pulsnitzer Schau “Zwei Stimmen im Schnee” verbindet zwei eigensinnige Künstler, deren Werke einander fremd sind. Aber es gab eine Nähe im Leben. Der 1939 geborene Leifer war Dozent an der Dresdner Hochschule für Bildenden Künste, als Latendorf 1992 dort ihr Studium begann. Der Ältere nannte die Jüngere hellsichtig “Hüterin des Einhorns”, er war ihr ein guter Freund. Christiane Latendorfs bisher nie ausgestellte Arbeiten zeigen die damalige Studentin als reife Künstlerin, die ihre Ängste grandios maskiert und in Tiere verwandelt. Ein Abwehrzauber. Leifers Melancholie ist großartig offen und trunken. Ein Träumer war er aber auch.

Uwe Salzbrenner
Rezension in der Sächsischen Zeitung vom 4. Januar 2007 zur Ausstellung “Zwei Stimmen im Schnee” im Ernst Rietschel Geburtshaus in Pulsnitz 2006/2006.

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